98 % aller Frauen machen es wie du.

Sie bringen ihr Baby im Krankenhaus zur Welt.

Das Krankenhaus gilt als sicherer Ort.

Ein Ort, an dem es Menschen gibt, die sich mit dem Kinderkriegen auskennen. Sie werden dich dabei unterstützen, dein Baby zur Welt zu bringen.

Und falls was schief geht…

So habe ich beim ersten Kind auch gedacht.

Ich bin in die Klinik gegangen, um es dort zu gebären und jetzt bin ich schlauer.

In diesem Artikel rede ich Tacheles und du erfährst 6 Fakten, die ich gerne vor meiner ersten Geburt gewusst hätte. Weil sie im Kreißsaal Realität sind.

Ein Warnhinweis: Der Inhalt dieses Artikels kann Ängste bei dir auslösen, wenn du dich für eine Geburt in der Klinik entschieden hast. Trotzdem empfehle ich die Lektüre, denn auf das, was du im Vorfeld weißt, kannst du dich einstellen. Dieses Wissen verhindert, dass du im Kreißsaal Überraschungen erlebst. Außerdem lasse ich dich nicht mit der Realität im Regen stehen. Du lernst auch, was du in deiner Vorbereitung tun kannst, um eine gute Geburt in der Klinik zu erleben.

​Realität Nr. 1: Im Kreißsaal wird Geburtsmedizin praktiziert

Ein Kind zu gebären wird in der Klinik als medizinisch-technischer Vorgang angesehen, der engmaschig überwacht und kontrolliert werden muss.

Jahrelang saß ich am runden Tisch der nahegelegenen Kreisklinik. Der leitende Oberarzt sprach konsequent von Patientinnen, die er entbunden hat und jedes Mal schnellte mein Blutdruck in die Höhe.

Wenn ich mein Baby zur Welt bringe, bin ich Gebärende. Eine Frau mit Wehen ist keine Patientin. Sie braucht keine Hilfe, sie braucht Begleitung. Ich möchte nicht entbunden werden, sondern aus eigener Kraft gebären.

Und du?

Vielleicht ist das für dich nur eine Wortspielerei, doch bedenke: Diese Haltung ist das Fundament, auf dem die tägliche Arbeit des Klinikpersonals aufbaut. Und es macht einen großen Unterschied, ob ich Geburt als natürlichen Prozess ansehe, für den Frauen gemacht sind. Oder, ob ich glaube, dass es sich dabei um einen hochriskanten Vorgang handelt, bei dem Mutter und Kind um ihr Leben fürchten müssen.

Unsere Gedanken sind der Anfang unserer Handlungen.

To-Do: Wähle deinen Geburtsort mit Bedacht. Vergleiche die Kliniken in deiner Umgebung und finde heraus, mit welcher Grundhaltung sie arbeiten. Lass dich nicht von allgemeinen Phrasen auf der Homepage täuschen. Gönn dir unbedingt einen Platz in der vordersten Reihe beim Infoabend und löchere die Anwesenden mit deinen Fragen. Welche Grundhaltung herrscht in dieser Klinik?

​Realität Nr. 2: Im Kreißsaal wird es eben so gemacht

Realität im Kreißsaal: Routinen und Standards

In jeder Klinik gibt es Standards und Routinen, an die sich die Geburtshelfer halten müssen. Diese sind so verschieden wie die Bezüge der Pezzibälle, aber alle haben eins gemeinsam: Sie werden bei jeder Frau angewendet!

Denn genau das ist eine Routine, eine zur Gewohnheit gewordene Handlung. Solche  Routinen sind nicht einheitlich, sie sind von Haus zu Haus verschieden.

Es kann beispielsweise bedeuten, dass du bei Ankunft ins Krankenhaus immer eine Verweilkanüle gelegt bekommst, durch die bei Bedarf Medikamente zugeführt werden können. Einfach immer. Egal ob du sie brauchst oder nicht, eben weil es zu den festen Abläufen in dieser Klinik gehört. Oder, dass die Nabelschnur direkt nach der Geburt durchtrennt wird. Egal, ob die Plazenta schon geboren wurde oder nicht.

Jetzt kannst du sagen, dass eine Routine doch auch Sicherheit vermittelt. Wenn sie das immer so machen, dann haben sie damit bestimmt gute Erfahrungen gemacht. Die Wahrheit ist, dass vieles von dem, was routinemäßig gemacht wird, nicht unbedingt dem neusten Stand der Forschung entspricht.

Es gibt zum Beispiel keine Belege dafür, dass die ständige Überwachung durch einen Wehenschreiber (CTG) eine Geburt sicherer macht. Ganz im Gegenteil führt der Einsatz dieser Techniken oft zu Fehleinschätzungen und zieht Interventionen nach sich, die nicht nötig gewesen wären, wenn Mutter und Kind gut begleitet und individuell betreut worden wären.

Feste Standards und unnötige Routinen stören den natürlichen Geburtsverlauf und ziehen häufig weitere Interventionen nach sich.

To-Dos: Finde heraus, welche Standards und Routinen in deiner Wunschklinik üblich sind. Erstelle einen Geburtsplan und werde dir klar darüber, was du auf keinen Fall möchtest und mit was du leben kannst. Welche Konsequenzen ziehst du aus dem Ergebnis? Denkst du, das ist machbar oder erkennst du einen unüberbrückbaren Widerstand?

​Realität Nr. 3: Im Kreißsaal bist du ein Fall

Eng verknüpft mit Standards und Routinen ist die Tatsache, dass du in der Klinik zu einem Fall wirst. In Deutschland wird mit sogenannten Fallpauschalen abgerechnet. Das bedeutet, dass jede Intervention, die an dir vollzogen wird, Geld in die Kasse der Klinik spült.

Eine Klinik ist ein Unternehmen, das seine Personal- und Zeitressourcen gut im Blick haben muss. Die natürliche Geburt einer Erstgebärenden, die sich über zwei Tage ziehen kann, ist leider sehr unwirtschaftlich. Beschleunigende Medikamente, das Legen einer PDA oder ein Dammschnitt mit anschließender Naht können dagegen gut abgerechnet werden.

Im besten Falle haben die Beteiligten immer dein Wohl und das des Kindes im Auge, doch leider führt dieses absurde Abrechnungssystem im Bereich der Geburtshilfe dazu, dass natürliche Geburten für die Klinik die schlechteste Variante darstellen. Das ist ein Widerspruch zu deinem Wunsch, wenn du dein Baby natürlich und ohne medizinische Interventionen zur Welt bringen möchtest.

To-Dos: Bedenke, dass deine Zeit läuft, sobald du dich in die Klink begibst. Bleibe deshalb so lange wie möglich zu Hause und verhindere, dass du zum “Fall” wirst. So kannst du ungestört in deinen Gebärflow finden und die Geburtsreise kommt ohne unnötige Interventionen in Gang. Fährst du in die Klinik, so halte deinen Geburtsplan bereit und bitte deinen Partner um eine glasklare Kommunikation deiner Wünsche.

​Realität Nr. 4: Im Kreißsaal ist die Eins-zu-Eins-Betreuung nicht Standard

Seit Jahren kämpfen Elterninitiativen und Hebammenverbände für eine flächendeckende Eins-zu-Eins-Betreuung unter der Geburt. In Deutschland herrscht Hebammenmangel und die Realität ist, dass in sehr vielen Kliniken nicht alle Stellen besetzt sind. Hebammen arbeiten am Limit und betreuen nicht selten 3-4 Frauen gleichzeitig während der Geburt.

Es leuchtet ein, dass eine individuelle Betreuung so nicht möglich ist.

Wie soll die Hebamme achtsam auf dich eingehen, wenn sie gedanklich noch bei 3 anderen Frauen ist, die in den Nachbarzimmern ihre Wehen veratmen? Hebammen geben ihr Bestes, aber sie sind keine Übermenschen und die Rahmenbedingungen, unter denen sie arbeiten, sind vielerorts schlicht mies.

To-Dos: Profitiere noch einmal von deinem Platz in der ersten Reihe und stelle am Infoabend folgende Fragen: Wie ist die aktuelle Personalsituation in Ihrer Klinik? Wie viele Hebammen sind im Dienst? Können bei Bedarf weitere hinzugerufen werden? Wie viele Frauen betreut eine Hebamme im Schnitt gleichzeitig?

Achte auf Schweißbildung auf der Stirn, während diese Fragen beantwortet werden.

Schweiß sagt mehr als tausend Worte.

​Realität Nr. 5: Im Kreißsaal musst du Glück haben

Es ist traurig aber wahr: Beleghebammen sind eine vom Aussterben bedrohte Art. Leider. Wenn du eine Hebamme findest, die du in der Schwangerschaft kennenlernst und die dich dann zur Geburt in die Klinik begleitet, dann darfst du dich glücklich schätzen. Dein Vorteil: Du weißt im Vorfeld, dass die Chemie passt und bist nicht darauf angewiesen, dass der aktuelle Schichtplan dir das große Los beschert.

Gebären ist eine ziemlich intime Angelegenheit.

Gehst du hierfür in die Klinik, hast du keinen Einfluss darauf, wer dich in diesem verletzlichen Moment begleitet. Es kann eine gute Fee oder ein Drachen sein und je nachdem was geschieht: Du musst damit leben und gebären.

Realität im Kreißsaal: Die Begleitung ist Glückssache

Gehe im besten Falle davon aus, dass alle Beteiligten einen guten Job machen und dich gut begleiten. Doch sei dir bewusst, dass du es bei einer Klinikgeburt dem Zufall überlässt, wer an deiner Seite ist, während du dein Baby zur Welt bringst.

Wie fühlt sich das an?

Ich höre den Einwand in deinem Kopf: “Aber, mein Partner…” Ja! Dein Partner wird dich begleiten und nicht von deiner Seite weichen. Doch auch für ihn ist die Geburt ein emotional aufwühlendes Ereignis und es ist nicht garantiert, dass er immer einen kühlen Kopf bewahrt und dem Drachen die Stirn bietet.

To-Dos: Spüre, wie sich das Zufallsprinzip der Geburtsbegleitung für dich anfühlt. Und wenn es dir Kopfzerbrechen bereitet, verlass dich nicht auf Zufälle oder Glücksgriffe, sondern sorge dafür, dass du (zusätzlich zu deinem Partner) eine gute Fee an deiner Seite hast. Das kann deine beste Freundin, deine Mutter oder eine Doula sein.

​Realität Nr. 6: Im Kreißsaal verteilt sich die Verantwortung auf viele Schultern

Im Krankenhaus arbeiten Menschen, die sich mit Geburten auskennen. Sie haben schon viele Frauen beim Gebären begleitet und einige Babys auf die Welt kommen sehen. Sie sind die vermeintlichen Experten für die Zeit nach Wehenbeginn und es geschieht allzu leicht, dass du Verantwortung abgibst und die Einstellung hast: “Die werden das schon richten.”

Die Wahrheit ist: Du wirst dein Kind zur Welt bringen und bist die Hauptperson im ganzen Geschehen. Du bist die Expertin für deine Geburt!

Doch Hebammen und Ärzte tragen eine hohe Verantwortung. Bei allem was sie tun, haben sie sich an die Standards der Klinik zu halten oder müssen ihr Handeln im Zweifelsfalle begründen und rechtfertigen. Sie stehen unter dem Druck, keine Fehler zu machen.

Bei einer guten Geburtsbegleitung ist Nichtstun Gold wert. In der Medizin gilt Nichtstun als gefährlich und Maßnahmen zu ergreifen ist der Königsweg.

Das musst du wissen, wenn du in den Kreißsaal gehst, denn wenn du eine selbstbestimmte Geburt erleben willst, trifft an dieser Stelle deine Selbstbestimmung auf den Selbstschutz des Personals.

To-Dos: Sei dir bewusst, dass du die Gestalterin deiner Geburt bist. Wenn du die Verantwortung für deine Geburt nicht an der Kreißsaaltür abgeben willst, dann bereite dich intensiv und ganzheitlich auf die Geburt vor und fülle deinen Werkzeugkasten für die Wehenarbeit. Je selbstsicherer du wirkst, desto klarer sind die Signale, die du aussendest. Dein Signal sollte lauten: Ich bin hier, um mein Baby zur Welt zu bringen und ich kann das!

Wenn du dich entscheidest, dein Baby in einer Klinik zu gebären, entscheidest du dich für diese Realität.

All diese Dinge kannst du nicht ändern, aber jetzt, wo du sie weißt, kannst du dich entsprechend vorbereiten.​ Übernimm die Verantwortung für dein Geburtserlebniss, vertiefe das Vertrauen in deine eigene Gebärfähigkeit und fülle deinen ​"Werkzeugkasten" mit erprobten Tools, die dir helfen, die Wehen zu meistern und dein Kind aus eigener Kraft zu gebären.

Ich wünsche dir von Herzen alles Gute für deine Geburtvorbereitung und einen Ort, an dem du dein Baby gut begleitet zur Welt bringen kannst.

Erwarte eine Zeit voller Wunder!

Simone​

P.S.: War dieser Artikel für dich hilfreich, um dich auf eine selbstbestimmte Geburt in der Klinik vorzubereiten? Ich freu mich auf deinen Kommentar und bin neugierig darauf, welche AHA-Erlebnisse du beim Lesen hattest.

Über uns

Wir sind Simone Vogel (li) & Cerstin Jütte (re) und die Gründerinnen von NONAWUNDER

Cerstin hat sich bei der Geburt ihres ersten Kindes für die Klinik entschieden, aber: Sie hat sie sehr bewußt gewählt, hatte neben ihrem Partner auch eine Doula an ihrer Seite und war sehr gut vorbereitet.

Simone schreibt in diesem Artikel über eine Realität, die sie am eigenen Leib erfahren hat. Die hier geschilderten Fakten waren ihr vor ihrer ersten Geburt nicht 100% klar. Deshalb ist es ihr ein Anliegen Frauen aufzuklären, die ihr erstes Baby erwarten und nicht wissen, was auf sie zukommt. Wissen ist Macht. Es hilft dir gute Entscheidungen zu treffen und auch in der Klinik eine gute Geburt zu erleben. ​